… oder auch nicht. Wunsch und Wirklichkeit beim Reisen mit Kindern

Familie Berge Reisen Österreich Tirol

Reisen mit Kindern könnte so entspannt
sein …

… ist es nur leider nicht. Oder nicht immer. Hier kommen meine ganz persönlichen Wunschvorstellungen und dazu der knallharte Reality-Check:

Familie Berge Reisen Österreich Tirol
Eine glückliche Familie auf Reisen – sorgenfrei unterwegs eben!

 

Das Kofferpacken

So könnte es sein: Pro Kind und Tag eine Unterhose, ein paar Socken, ein T-Shirt. Dazu noch drei warme Pullis, drei Hosen und zwei Shorts/Kleid, Badezeug. Schon hat man alles dabei, ist doch echt ganz einfach.

So ist es wirklich: Trotz hervorragender Wettervorhersage regnet es die ersten vier Tage ununterbrochen. Natürlich spielen die Kinder trotzdem draußen und schon am zweiten Nachmittag ist alles, was lange Ärmel und Beine hat, nass. Im super komfortablen Hotel gibt es natürlich Fußbodenheizung, die einzige Möglichkeit zum Trocknen ist der Handtuchwärmer im Bad. Der natürlich lange nicht mit der durchnässten Kleidung von fünf Leuten fertig wird. Dementsprechend riecht es …

Außerdem verträgt ein Kind die Urlaubsküche nicht so ganz, ein anderes hat vor lauter Spaß im regen vergessen, wann man rechtzeitig zur Toilette geht. Im Waschbecken weichen jetzt stets 3-4 Unterhosen ein. Trägt nicht zu einem besseren Duft bei.

Notgedrungen kaufen wir pro Kind einen Satz lange Hosen und langärmelige T-Shirts ein. Bei diesem erzwungenen Stadtbummel steht mehr kitschiges Spielzeug vor jedem Geschäft als es Milliliter pro Minute regnet. Nach dem Kaufen des Allernötigsten und Unnötigsten sind wir rund 250 € ärmer – dabei hatten wir doch zu 98% „Nein“ gesagt!

Egal, die Sonne bricht am Abend durch die Wolken und scheint von jetzt an jeden Tag, als hätte sie nie etwas anderes getan. Bei der Abreise bekommen wir die Koffer nicht mehr zu.

 

In der Bahn

Familie am Bahnhof
Familie am Bahnhof – gleich geht es los!

So könnte es sein: Pünktlich sind wir am Bahnhof. Prima, das Familienabteil haben wir ganz für uns allein – sogar ohne Krümel :-). Ist auch ganz nah am Bistro und wir schleichen uns einfach mal auf die saubere Toilette in der ersten Klasse. Die Kinder spielen leise, lesen ein bisschen, Mama und Papa halten ein Nickerchen und – schwups – ist die fünfstündige Fahrt schon um!

So ist es wirklich: Der Zug fällt aus.

 

Beim Boarding

Kinder Koffer Flughafen Trunki
Family first. It´s awsome. Really, it´s true.

So könnte es sein: Oh wie fein, bereits kurz nach der Buchung des Fluges hat mir die nette Airline in einer Email versichert, dass sie sich schon sehr auf meinen reizenden Nachwuchs freut und sogar super gut auf reisende Familien eingerichtet ist. Es gibt z. B. ein bevorzugtes Boarding für alle, die mit Kindern reisen. Und im Flugzeug eine lustige Kindertüte mit Snacks, Getränken, Malsachen und Spielzeugen. Also im Prinzip alles, was Mama und Kindern den Flug versüßt.

So ist es wirklich: Pünktlich und noch relativ entspannt kommen wir am Gate an. Wir haben ja schließlich eine Pufferzeit von zwei Stunden eingeplant, mit echt wenigen Tränchen die Sicherheitskontrolle passiert und haben beim Duty-Free-Shop auch nur ein paar Süßigkeiten mit einem Gesamt-Gehalt von maximal 22.300 kcal gekauft. Stehen also vergnügt am Gate, erste Reihe. Die paar wenigen Leute, die vor uns waren, sind mit einem entzückten Lächeln zur Seite getreten, nach dem ich ihnen charmant mitgeteilt habe, dass wir als Familie ja Priority-Boarding haben (die drei Beweise haben währenddessen süß und still gelächelt). Da warten wir also geduldig darauf, dass wir als erste einsteigen dürfen und vernaschen schon mal gute 2/3 unseres Süßkrams.

Nur noch etwa fünf Minuten, bis das Gate sich öffnen soll – da muss der erste auf die Toilette. Gut, nicht so schlimm, ist ja auch ganz gut, dann können wir die klebrigen Hände waschen. Also mit meinen drei Kleinen zurück durch die inzwischen entstandene Schlange drängeln, zur nächsten Toilette, wir alle vier mit unseren Handgepäckstücken rein (Papa ist übrigens derweil in der Schule und hat wahrscheinlich große Pause). Mir wird heiß, es ist echt eng hier drin, die Lüftung scheint auch nicht zu gehen. So, alle fertig, wieder raus, zurück zum Gate.

Schade jetzt eigentlich. Das Abflug-Gate wurde geändert. B19 statt B37. Wird ein bisschen knapp jetzt, eigentlich soll das Boarding ja in zwei Minuten schließen. Also los, Kinder auf die rollbaren Trunki-Koffer, alle Leinen in eine Hand und los (komme jetzt wirklich ins Schwitzen).

Bei B37 steht jetzt eine sehr lange Schlange. Hauptsächlich Anzugträger. Haben die alle so breite Schultern oder kommt mir das nur so vor? Ich kann da kaum dran vorbei gucken. „Ähm, Priority-Boarding, Familie, bitte durchlassen“, flöte ich noch höflich. Nützt aber nix. „Weg da, ICH HABE KINDER!!“ hilft auch nicht.

Als fast Letzte steigen wir ins Flugzeug. Müssen unser Handgepäck auf die wenigen freien Lücken in der ganzen Maschine verteilen. Bin schweiß-gebadet, außerdem ist mir von den drei Stücken Riesentoblerone schlecht. Höflich warte ich noch darauf, dass wir in der Luft sind, bevor ich die Flugbegleiterin anklingle und nach den Kinder-Goodie-Bags frage. Gibt es später, verspricht sie mir. Für 12,99 € pro Stück, Getränke extra.

 

Am Buffet

Quark Nachtische Beeren
Mmh, lecker – Mama, das wollte ich schon immer mal probieren!

So könnte es sein: Herrlich, so eine große Auswahl! Und das ganze Obst ist schon geschält und in mundgerechte Häppchen geschnitten. Hm, es gibt sogar eine Live-Cooking-Station, an der ein netter Mann einem frisches Rührei, Omlette, Pfannkuchen und French Toast zubereitet. Und erst die Säfte! Guck´mal, sogar Sekt zum Frühstück, hihi. Ist ja Urlaub. Jetzt erstmal in Ruhe an den Tisch setzen und dann mal schauen. Da können die Kinder ja auch mal etwas Neues zum Essen probieren und sich so satt futtern, dass wir uns vielleicht auch später das Mittagessen sparen.

So ist es wirklich: Warum werden die mit den Kindern eigentlich immer am Weitesten vom Essen weggesetzt? Gibt´s hier keine Hochstühle? Naja, sonst kommt sie halt auf meinen Schoß. Ich bestelle schon mal einen Kaffee. Komm´, mein Schatzi, wie gehen schon mal gucken, was es gibt. Ja, ihr anderen kommt auch mit, ist doch klar. Hm, lecker, guck mal, frisches Obst. Ne, Nutella kannst du doch zu Hause essen. Welches Müsli? Das sind Schoko-Pops, lieber nicht. Okay, dann nimm dir aber selber. Halt, nicht so viel Milch! Ok, ich trage es dann für dich zum Tisch. Ihr andern bleibt hier, ok? Bin gleich wieder da.

Wer hat schon mal beim Oktoberfest gekellnert? Ich nicht, deshalb kann ich wahrscheinlich auch keine vier gefüllten Teller und Saftgläser auf einmal tragen. Und ich kann mir auch nichts auffüllen, wenn ich in beiden Händen Teller halte. Man, ist das heiß hier drinnen.

So, alle sitzen und haben etwa zu Essen und zu Trinken vor sich. Dann hol ich mir mal schnell etwas. Ein frisches Omlette wäre toll. Dauert aber ganz schön lange hier. Ok, dann eben ´ne Scheibe Brot und Marmelade, Obst später. Zurück am Tisch sind die Kinder schon fertig. Emmy hat ein Nutella-Brötchen gegessen, Jasper ein Croissant zerkrümelt und Eva vier Butterstückchen ausgepackt und gegessen. Ohne Brot. Auf dem Tisch sieht es wüst aus, unter dem Tisch noch wüster. Die Kinder wollen jetzt aufstehen spielen. Ich glaube, ich hole mir doch mal einen Sekt …

 

In der Kinderbetreuung

Kinder Pony reisen Naturhotel Hof Gut
Die perfekte Kinderbetreuung hat natürlich auch Ponys.

So kann es sein: Die total nette Erzieherin hat bis vor Kurzem in einem Walddorf-Kindergarten gearbeitet und kommt super sympathisch rüber. Auch die Kinder sind von Anfang an ganz vertraut mit ihr, sogar der schüchterne Jasper lässt sich spontan von ihr auf den Barfuß-Erlebnis-Pfad mitnehmen. Mama und Papa genießen ein paar Stunden ungestörte Ruhe, ein gutes Buch und ein Schläfchen, bis sie die begeisterten Kinder wieder abholen, die sich total auf den nächsten Tag in der Kinderbetreuung freuen.

So ist es wirklich: Rund 25 Kinder in einer Altersspanne von 1-16 Jahren toben durch einen kühlen Raum im Keller. Statt Tageslicht gibt es witzige Lampen in Hello-Kitty- und Minions-Stil. Das Bällebad ist so neu, dass man die Weichmacher schon im Flur riechen kann. Eine knapp 19-Jährige sitzt mit ihrem Handy in der Ecke und soll heute die Kinder hüten, die eigentliche Betreuerin ist krank. Eva drückt meine Hand noch fester, bevor sie einen Ball an den Kopf bekommt. Mama und Papa bleiben noch 45 Minuten auf dem klebrigen Boden sitzen, bevor die Kinder sich alleine trauen, hier zu bleiben –erst als das „Kinderkino“ beginnt, lassen die Kinder freiwillig die Hände los.

Hm, so zu zweit in der Sauna waren wir echt schon lange nicht mehr. Herrlich ist das, super entspannend nach der ganzen Koffer-Schlepperei bei der Anreise. Nach genau sieben Minuten betritt die Rezeptionistin den Wellnessbereich: „Frau Sorgenfrei, wir haben Sie schon überall gesucht. Ihre Tochter möchte bitte aus der Betreuung abgeholt werden.“

 

Ein entspannter Abend

Paar Sonnenuntergang Regenbogen Hochzeit Sylt
Weißt du noch, wie wir damals…?

So kann es sein: Die süßen Kleinen sind vom Spielen, Toben und der guten Luft abends so erschöpft, dass sie sogar eine Stunde früher als zu Hause ins Bett möchten. Kaum berühren die blonden Schöpfe die Kissen, fallen die Augen auch schon zu und sie schlummern selig. Zum Glück reicht das Babyphone bis in die helle, moderne Hotelbar. Mama und Papa machen sich kurz ein bisschen schick und genießen auf der Terrasse noch einen Drink, während sie sich abwechselnd den Sonnenuntergang und in die Augen schauen und sich kichernd daran erinnern, was sie aneinander so lieben und wie sie eigentlich zu diesen ganzen süßen Kindern gekommen sind.

So ist es wirklich: Alle kommen voller Sand gegen 20.30 Uhr ins Hotelzimmer. Ok, also noch mal duschen, ja, alle, nein, die Haare jetzt bitte nicht nass machen. Oh nee, ich habe doch gesagt, NICHT die Haare. Wo ist denn hier der Föhn? Schatzi, gehst du bitte noch mal zur Rezeption? Bitte. Doch, mit nassen Haaren ins Bett gibt doch Schnupfen.

21.30 Uhr: Drei von fünf Sorgenfreis gucken „Let´s Dance“ im Fernsehen, Mama tröstet Jasper, der seinen Fidget-Spinner am Strand verloren hat.

22 Uhr: Die Kinder und Papa sind vor dem TV eingeschlafen. Mama möchte ihren Mann gerne wecken, aber das Babyphone muss eh noch aufladen.

02.20 Uhr: Die Kinder und Papa schlafen alle im Doppelbett, Mama macht den Fernseher aus und legt sich in eins der Kinderbetten.

Jemand Kluges schrieb mal, Reisen mit Kindern ist wie Alltag, nur woanders.
Das stimmt auch. Ich glaube, nur die Illusionen der Eltern sind vor der Reise deutlich größer.

Trotzdem hält es uns ja nicht davon ab, mit unseren Kindern diese wunderschöne Welt zu bereisen. Und auch wenn ein paar Situationen ähnlich anstrengend wie Zuhause sind, möchten wir unsere Töchter und Söhne doch viel lieber dabei haben, als alleine zu reisen (oder meistens jedenfalls).

Was habt ihr schon alles auf Reisen mit Kindern erlebt? Ich freue mich auf eure lustigen/schrecklichen/nervigen/schönen Anekdoten!

PS: Vielen Dank an Irina, eine der Lieblingskolleginnen meines Mannes. Sie hat mich zu diesem Artikel inspiriert, denn sie fand, auf sorgenfrei-unterwegs ist es manchmal zu schön, um wahr zu sein. Hast Recht, Irina, es war an der Zeit, auch mal Tacheles zu schreiben!

Papa ist der Beste Herz Holz
Wer sonst…?
8 Kommentar
  1. Ilka Ridder sagt: Antworten

    😂 wie immer toll geschrieben. …und doch irgendwie mal anders👏👏. Da bleibe ich doch lieber zu Hause 😉. Oder…So weiß man zumindest, warum zwischendurch eine Kur auch mal ganz nett ist😘 (Ich frage mich nur, warum du beim Schreiben an uns gedacht hast 🤔🤔😂😉 )

    1. Na, ich habe an euch gedacht, weil ihr die reisefreudigste Familie seid, die ich kenne!

  2. Haha, funny story! I don’t use to travel with kids that often. I prefer to travel alone. 🙂

    1. Thanks Daniel 🙂 I know, it can be very nice, but also not. I prefer some all-alone-trips as well from time to time – and trips with nice colleagues like you!

  3. Marie sagt: Antworten

    Neinnein, es heißt „Reisen mit Kindern ist wie Alltag, nur schlimmer“ 😉
    Aber genau das schweißt doch die Familienbande zusammen, oder?
    Ich freu mich schon auf neue Abenteuergeschichten aus dem Hause – äh – Koffer Sorgenfrei!

    1. Echt, sogar schlimmer? Immerhin ist die Kulisse, vor der man bockige Kinder beruhigen möchte, manchmal schöner… Ganz liebe Grüße und viel Spaß bei eurem Reiseabenteuer!

  4. Svea sagt: Antworten

    Ja, da kann ich alles unterschreiben. Allerdings habe ich das Gefühl, dass es besser wird, wenn die Kinder älter werden. Ich fand es dieses Jahr mit unseren 11- und 8-jährigen wirklich mal entspannt, weil sie schon so selbstständig sind.
    Es wird besser…. und anders! 🙂 Manchmal nervt das Gejaule des pubertierenden 11-jährigen, aber das ist noch gut ertragbar 😀 !

    1. Oh, du weckst neue Hoffnung in mir! Wir waren ja grade zu fünft fünf Wochen in Namibia und Südafrika. Puh. Ganz schön lange, so alle zusammen. An manchen Tagen haben Björn und ich kaum zwei Sätze miteinander gewechselt, weil die Kinder so viel Aufmerksamkeit brauchten. Bis wir nach acht Tagen endlich Malsachen gekauft hatten. Da war es plötzlich mal eine Stunde lang still. Aber ich freue mich schon darauf, wenn die Kinder größer sind. Und z.B. englisch verstehen! Dolmetschen ist auf Dauer ganz schön anstrengend…
      Wohin seid ihr dieses Jahr gereist?

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