… in Österreich. Pilgern auf dem Pferderücken

reiten, Pferde Österreich pilgern Mühlviertel Alm Berge

Das Leder des Sattels knarzt, Vögel zwitschern ihre Lieder, es riecht würzig nach Harz und Waldboden. Ein paar hundert Meter traben wir aus dem Wald hinaus. Vor mir erstrecken sich sanfte, grüne Hügel. Mein Pferd schnaubt und es fliegen mehrere Dutzend Schmetterlinge aus der blühenden Kräuterwiese auf.

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Touristischer Geheimtipp oberhalb der Donau

Ich bin auf der österreichischen Mühlviertel Alm und irgendwie auch ein bisschen im Paradies. Denn schon lange, lange Zeit habe ich mich nicht mehr so entspannt gefühlt, so unberührte Natur ganz direkt gespürt und wurde so sanft bergauf und bergab geschaukelt. Ich mache beim ersten Johannesritt mit, der seit diesem Jahr hier Pilgern auf dem Pferderücken möglich macht.

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Wanderreitführer Thomas hat mir eines seiner selbstgezogenen Pferde anvertraut: Joey ist eine elfjährige Warmblutstute, deren Muskeln sich unter dem glatten, braunen Sommerfell abzeichnen. Sie ist unheimlich trittsicher, schreitet fleißig und dabei ganz gelassen. Keine Frage, dies ist nicht Joeys erster Wanderritt in den Bergen. Meiner schon.

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BFFFT (beste Freunde für fünf Tage)

Zuerst war ich ehrlich gesagt ein wenig nervös – fremdes Pferde, fremde Leute, fremde Umgebung, die auch noch ziemlich steil auf und ab geht. Aber ganz schnell haben mich die Herzlichkeit meiner Gastgeber Thomas und Markus und die Ruhe meines Pferdes angesteckt. Nach kurzer Zeit reite ich eigentlich nicht mehr, sondern lasse mich entspannt durch diese wunderbare Natur Österreichs tragen – im vier-Viertel-Takt meines Pferdes.

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Dem Lieben Gott ganz nah

„Schau mal, die vielen verschiedenen Grüntöne, das satte Gold des Weizens und der blaue Himmel – diese Schönheiten hat uns alle der Liebe Gott geschenkt“, verrät mir Franz, mein Mitreiter in schmucker Uniform. Und ich kann ihn sehr gut verstehen – bei dieser unglaublich schönen Natur fällt es leichter, an einen übersinnlichen Schöpfer zu glauben als an die Evolution. Natürlich sind die Pflanzen auch nützlich. Aber so ein farbenfroher Augenschmaus, so eine Vielfalt an Blumen, Blättern und Tieren, so eine beeindruckende Farbkomposition – das lässt mir vor Glückseligkeit regelecht das Herz hüpfen. Kein Wunder, dass die Österreich tief religiös sind. Hier oben in den Bergen ist man dem Himmel tatsächlich sehr nah.

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Spirituelle Erfahrung auf dem Pferderücken

Und Spiritualität spielt in dieser Woche auch eine große Rolle, denn ich bin schließlich nicht nur zum Reiten hier, sondern soll auch Pilgern. Der Johannesweg ist seit 2012 mit zwölf Stationen ausgestattet, die zu Ruhe, Besinnlichkeit und innerem Frieden inspirieren sollen. Seit diesem Jahr führt auch ein perfekt ausgestattetes Reitwegenetz den Johannesweg entlang. Rund 110 Kilometer kann man entweder geführt oder allein abreiten. Dies sind die Sätze, die uns auf dem Pilgerritt zum Nachdenken anregen sollen:

1. Humor soll dein Leben begleiten, denn er beflügelt deinen Geist und erfreut die Gesellschaft.

2. Bewahre die Geduld, dann kannst du den Tag ohne Hast erleben.

3. Bleibe mutig, es befreit dich von lähmender Angst, der Basis vieler Krankheiten.

4. Werde großzügig und strebe nicht gierig nach noch mehr.

5. Sei tolerant gegenüber deinem Gesprächspartner und akzeptiere auch seine Vorstellungen.

6. Erhöhe dich nicht selbst und sprich nicht abfällig über die anderen – früher oder später fällt es auf dich zurück.

7. Sei hilfsbereit und ein guter Gastgeber – es lohnt sich für beide Seiten.

8. Halte Maß in allen Dingen, besonders auch beim Essen und Trinken.

9. Egal, wie alt du bist, jammere nicht und sei zufrieden mit deinem Los.

10. Pflege deinen Körper, aber identifiziere dich nicht mit ihm, sondern halte ihn in Balance mit deinem Inneren.

11. Der Ernst des Lebens braucht Freude als Treibstoff der Lebendigkeit.

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Immer der Blick zwischen den Pferdeohren

Der Ritt geht über fünf Tage, bis zu neun Stunden sitzen wir an manchen Tagen im Sattel. Dabei sehen wir eigentlich nichts außer Wald, Berge und Wiesen zwischen den Pferdeohren. Ab und zu passieren wir malerische, kleine Dörfer in denen wir eine Jause machen oder einfach einen Schnaps serviert bekommen. Wir reiten überwiegend im Schritt, der für mich ungewohnte Westernsattel stellt sich schnell als sehr bequem heraus. Langweilig wird es übrigens nicht – auch nach zehn Stunden kann ich mich an der Natur nicht satt sehen.

Ob ich mich denn auch spirituell weiter entwickelt habe? Ich wurde auf jeden Fall reichlich mit der Schönheit der Natur und dem vertrauensvollen Miteinander meines Pferd beschenkt. Ich habe tiefe Dankbarkeit verspürt, weiß mein Leben mit allem, was ich habe, sehr zu schätzen. Und freue mich wieder ein wenig mehr über schlichte, einfache und dennoch so wertvolle Dinge: einen blauen Himmel, einen weiten Blick, Bäume und Blumen und – wenn man ganz viel Glück hat – nette Gesellschaft von klugen Leuten.

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Nichts als essen, reiten, schlafen … Mein Leben ist ein Ponyhof

Unsere Unterkünfte sind mal schlicht, mal stilvoll und wir werden immer unheimlich herzlich empfangen. Siegi vom bietet auf seinem Reiterhof eine saftige Weide für die Pferde und lässt uns auf seinem ganz persönlichen Kraftplatz verweilen, erzählt uns von keltischen Ritualen und teilt eine Flasche Met mit uns. Gottfried Gusenleitner, der „Wirt auf da Hoad“ zeigt uns seinen Kutschenfuhrpark, vom eleganten Spider bis zum Sechspänner ist alles dabei. Onkel Peda verwöhnt uns in der Kriechbaumer Reitherberge mit köstlichem Bio-Frühstück. Auf der idyllischen Moser Alm gibt es schattige Pferderastplätze und ein zünftiges Mittagessen mit den besten Spinat-Knödeln, die ich je gekostet habe.

Den letzten Abend verbringen wir bei unserem Rittführer Thomas auf dem Wanderreithof Heimelsteiner. Ein Hof, der vor zwei Jahren umfangreich renoviert wurde und mich mit perfekt organisierten Ställen, stilvollen Zimmern und gemütlicher Atmosphäre beeindruckt hat.

Beim Heimelsteiner gibt es übrigens in den Sommerferien auch spezielle Kinderferien mit Reiten und allerlei Abenteuern. Nicht-Reiter sausen mit E-Bikes durch die Wälder. Ich glaube, das nächste Mal komme ich mit der ganzen Familie …

 

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